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Immunsystem im Winter

vor 3 Tagen
16 Min. Lesezeit
Sesselbahn über verschneiter Skipiste mit Skifahrern, Wald und Hütten im Hintergrund; bunte Jacken.
Faszination Winter

Immunsystem im Winter: Warum wir schniefen, was wirklich hilft – und was nur gut klingt

Ein Streifzug durch Mythen, Marketing und echte Wissenschaft für alle zwischen 8 und 88

Es ist November. Draußen nieselt es in einer Konsistenz, die man nur als "unentschlossen" beschreiben kann, drinnen läuft die Heizung auf Hochtouren, und in der Bahn hustet jemand so eindrucksvoll, dass drei Fahrgäste gleichzeitig ihre Kapuze aufsetzen. Willkommen in der Erkältungssaison – jener Zeit des Jahres, in der plötzlich jeder Drogeriemarkt-Regal-Nachbar zum Immunologen wird und Ihnen erklärt, dass Sie jetzt "dringend" Vitamin C, Zink, Holunderextrakt und einen Schuss Ingwer bräuchten, sonst sei man "spätestens am Donnerstag" krank.

Die Wahrheit ist, wie so oft, weniger dramatisch und ein bisschen komplizierter. Ihr Immunsystem ist keine Zimmerpflanze, die man mit dem richtigen Dünger zum Sprießen bringt. Es ist eher ein extrem gut organisiertes, aber auch ziemlich eigensinniges Sicherheitsteam, das seit Jahrmillionen seinen Job macht – mit oder ohne Ingwershot. Was Sie tun können, ist, diesem Team die Arbeit nicht unnötig zu erschweren. Genau darum geht es in diesem Beitrag: Wir schauen uns an, was im Winter wirklich mit Ihrer Abwehr passiert, welche Hausmittel und Nahrungsergänzungsmittel tatsächlich einen (meist bescheidenen) Effekt haben, und welche Mythen sich hartnäckiger halten als der Glühweingeruch in der Fußgängerzone.

Ein Wort vorweg, weil es uns wichtig ist: Dieser Beitrag ersetzt keine medizinische Beratung. Er verspricht auch nicht, dass Sie diesen Winter garantiert, erkältungsfrei bleiben – das kann Ihnen niemand seriös versprechen, auch keine Kapsel für 29,90 Euro. Was wir Ihnen versprechen: ehrliche Einordnung dessen, was die Forschung tatsächlich zeigt.

 

1. Warum wir im Winter überhaupt öfter schniefen

Der naheliegendste Verdächtige ist die Kälte selbst. Der ist aber, so pauschal gesagt, unschuldig. Erkältungen werden von Viren verursacht – über 200 verschiedene Erreger kommen dafür infrage, allen voran Rhinoviren –, nicht von Minusgraden. Trotzdem gibt es einen klaren saisonalen Zusammenhang, und der hat mehrere Ursachen, die sich hübsch addieren.

Erstens: Wir hocken im Winter viel enger zusammen. Sobald es kalt wird, verlagert sich das gesellschaftliche Leben von der Parkbank ins Wohnzimmer, vom Biergarten in die Kneipe, vom Pausenhof in die Aula. Mehr Menschen auf engerem Raum bedeutet mehr Gelegenheiten für Viren, von einer Nase zur nächsten zu hüpfen.

Zweitens: die Heizungsluft. Trockene Raumluft – und Heizungsluft ist notorisch trocken – strapaziert die Schleimhäute in Nase und Rachen. Diese Schleimhäute sind eigentlich eine ziemlich clevere erste Verteidigungslinie: Sie fangen Erreger im Schleim ein und transportieren sie mit winzigen Flimmerhärchen wieder nach draußen. Trocknen sie aus, funktioniert dieser Mechanismus schlechter. Hinzu kommt ein physikalischer Effekt: Sinkt die relative Luftfeuchtigkeit im Raum unter etwa 40 Prozent, schrumpfen virushaltige Tröpfchen in der Luft, schweben dadurch länger und verteilen sich weiter im Raum – was die Ansteckungsgefahr erhöht. Als grober Richtwert gelten 40 bis 60 Prozent Luftfeuchtigkeit als günstig für Innenräume. Allerdings, auch das gehört zur Ehrlichkeit dazu: Für gesunde Menschen gibt es keine überzeugende wissenschaftliche Evidenz, dass ein Luftbefeuchter im Wohnzimmer tatsächlich messbar vor Erkältungen schützt – bei chronischen Atemwegserkrankungen kann befeuchtete Luft aber durchaus angenehmer sein (Apotheken Umschau).

Drittens: weniger Sonnenlicht, weniger Vitamin D – dazu gleich mehr in einem eigenen Kapitel, das ist ein Thema für sich.

Und viertens, ein Punkt, der gern übersehen wird: Manche Viren mögen es tatsächlich lieber kühl und trocken. Das Grippevirus etwa überlebt und verbreitet sich unter diesen Bedingungen nachweislich besser als bei Wärme und Feuchtigkeit. Es ist also nicht "die Kälte macht uns krank", sondern eher "die Kälte schafft ein Umfeld, in dem Viren die Oberhand gewinnen und wir ihnen mehr Gelegenheiten bieten".

 

2. Mythos-TÜV: Werde ich krank, wenn ich friere?

Jetzt wird es interessant, denn hier widerspricht die Wissenschaft dem, was viele Leute gerne als "unwissenschaftliches Gerede der Großmutter" abtun. Kalte Füße, nasse Haare im Winter draußen, zu dünn angezogen sein – ist da wirklich etwas dran, oder ist das der reine Aberglaube?

Tatsächlich: ein bisschen was ist dran, auch wenn der Mechanismus ein anderer ist, als man denkt. Kälte selbst "erzeugt" keine Viren. Aber wenn Füße oder andere Körperteile auskühlen, ziehen sich die Blutgefäße in der Haut zusammen (eine ganz normale Schutzreaktion des Körpers, um Wärme zu sparen). Das reduziert offenbar auch die Durchblutung der Schleimhäute in Nase und Rachen – und dort, wo weniger Blut fließt, kann die lokale Immunabwehr schlechter arbeiten. Genau das haben Forscher um Ronald Eccles an der Cardiff University 2006 in einem Experiment untersucht: 90 Studierende mussten ihre Füße 20 Minuten lang in 10 Grad kaltes Wasser stellen, eine Kontrollgruppe blieb trocken. In den folgenden fünf Tagen entwickelten in der Kaltwasser-Gruppe deutlich mehr Teilnehmende Erkältungssymptome als in der Kontrollgruppe – ein statistisch signifikanter Unterschied (BARMER).

Das bedeutet nicht, dass kalte Füße automatisch eine Erkältung "verursachen" – man braucht dafür immer noch einen Erreger, dem man ausgesetzt war. Aber ausgekühlte Extremitäten scheinen die lokale Abwehr tatsächlich kurzfristig zu schwächen und machen es Viren damit leichter, wenn sie ohnehin gerade in der Nähe sind. Kurz gesagt: Oma hatte nicht ganz unrecht, auch wenn ihre Begründung ("man erkältet sich von der Kälte") wissenschaftlich nicht ganz stimmt. Warme Socken sind also keine Zauberformel, aber auch kein esoterischer Unsinn.

 

3. Schlaf – der Bodyguard, der nachts Überstunden schiebt

Wenn es eine Maßnahme gibt, die in der Forschung erstaunlich konsequent als wichtig herausgestochen ist, dann Schlaf. Und zwar deutlicher, als man es vielleicht erwarten würde.

In einer viel zitierten Studie von Aric Prather und Kollegen wurden 164 gesunde Erwachsene zunächst eine Woche lang mit tragbaren Sensoren beim Schlafen beobachtet – nicht per Selbstauskunft, sondern objektiv gemessen. Danach wurden sie kontrolliert mit Erkältungsviren in Kontakt gebracht und eine Woche lang beobachtet, wer tatsächlich erkrankte. Das Ergebnis: Wer weniger als sechs Stunden pro Nacht schlief, hatte ein rund 4,2-fach höheres Risiko, sich zu erkälten, als Personen mit mehr als sieben Stunden Schlaf. Bei unter fünf Stunden stieg das Risiko sogar auf das 4,5-Fache. Bemerkenswert: Schlafdauer war in dieser Studie ein wichtigerer Risikofaktor als Alter, Stresslevel, Bildung, Einkommen oder Rauchen (UCSF, Prather et al. 2015).

Warum das so ist, lässt sich vereinfacht erklären: Während wir schlafen, laufen wichtige Prozesse der Immunabwehr auf Hochtouren – bestimmte Immunzellen werden aktiver, Entzündungsbotenstoffe werden reguliert, das "Gedächtnis" des Immunsystems wird quasi gepflegt. Fehlt der Schlaf, gerät dieser nächtliche Betriebsablauf durcheinander.

Die gute Nachricht: Hier braucht es keine Nahrungsergänzung, kein Abo und kein Fläschchen aus der Apotheke – nur die Bereitschaft, den Serienmarathon ab und zu eine Folge früher zu beenden. Für Jugendliche und Kinder gilt das übrigens genauso, eher noch verstärkt, da ihr Immunsystem sowieso schon mit ständig neuen Erregern beschäftigt ist (dazu später mehr). Und für ältere Menschen, bei denen der Schlaf mit zunehmendem Alter oft fragmentierter wird, lohnt sich ein Blick auf feste Schlafrituale und ein kühles, dunkles Schlafzimmer umso mehr.

 

4. Der Darm – das heimliche Hauptquartier der Truppe

Wenn man sich das Immunsystem als Sicherheitsdienst vorstellt, dann liegt dessen Hauptquartier überraschenderweise nicht in Nase oder Rachen, sondern im Bauch. Schätzungsweise 70 bis 80 Prozent aller Immunzellen des Körpers befinden sich im darmassoziierten Gewebe (mhplus Krankenkasse). Das ergibt durchaus Sinn: Der Darm ist die größte Kontaktfläche unseres Körpers zur Außenwelt – durch ihn wandert schließlich alles, was wir essen, inklusive der unerwünschten blinden Passagiere.

Die Darmflora – also die Billionen Bakterien, die dort wohnen – spielt dabei eine Doppelrolle: Sie hilft bei der Verdauung, "trainiert" von klein auf das Immunsystem im Umgang mit Erregern, hält unerwünschte Keime in Schach und produziert Botenstoffe, die mit Immunzellen kommunizieren. Eine unausgewogene Ernährung mit viel Zucker, stark verarbeiteten Lebensmitteln und wenig Ballaststoffen kann diese Balance stören.

Was heißt das konkret für den Winter, in dem der innere Schweinehund gern nach Käsespätzle statt Salat ruft? Nicht, dass Sie jetzt asketisch leben müssen. Aber eine Ernährung mit reichlich Gemüse, Obst, Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten – kurz: mit viel Ballaststoffen – füttert die "guten" Darmbakterien und unterstützt damit indirekt auch die Immunabwehr. Ein winterlicher Eintopf mit Linsen, Wurzelgemüse und Vollkornbrot ist in dieser Hinsicht ehrlich gesagt eine bessere Investition als die dritte Vitamintablette des Tages.

 

5. Vitamin C – Held der Werbung, Fußnote der Wissenschaft

Kaum ein Vitamin hat einen derart glänzenden Ruf, der wissenschaftlich so wenig gedeckt ist, wie Vitamin C in Bezug auf Erkältungen. Zeit für einen nüchternen Blick.

Eine umfassende Cochrane-Analyse – der "Goldstandard" unter den Studienübersichten – wertete 29 Studien mit insgesamt über 11.000 Teilnehmenden aus. Ergebnis: Eine regelmäßige, langfristige Einnahme von Vitamin C verhinderte Erkältungen bei der Allgemeinbevölkerung nicht, verkürzte aber ihre Dauer im Schnitt um etwa 10 Prozent – bei einer typischen Erkältungsdauer von etwa 10 Tagen wären das ungefähr ein Tag weniger Naselaufen. Noch ernüchternder: Wer erst bei den ersten Erkältungssymptomen anfängt, Vitamin C zu nehmen, hat davon praktisch keinen messbaren Nutzen mehr (gesundheitsinformation.de). Eine interessante Ausnahme gibt es allerdings: Bei Menschen unter extremer körperlicher Belastung – Marathonläuferinnen, Soldaten im Wintertraining – konnte eine vorbeugende Einnahme das Erkältungsrisiko in mehreren Studien um bis zu die Hälfte senken.

Für den Otto-Normal-Winterspaziergänger bedeutet das: Die tägliche Extra-Portion Vitamin C aus der Brausetablette ist wissenschaftlich betrachtet eher ein teures Placebo mit gutem Marketing als ein Wundermittel. Da der Tagesbedarf über eine normale, obst- und gemüsereiche Ernährung – Paprika, Zitrusfrüchte, Sanddorn, Grünkohl, Brokkoli sind hier übrigens ergiebiger als die klassische Orange – meist locker gedeckt wird, braucht es für die meisten Menschen keine zusätzlichen Präparate. Schaden tut eine moderate Extra-Portion in der Regel nicht (Vitamin C ist wasserlöslich, Überschüsse werden ausgeschieden), aber ein Wundermittel ist es eben auch nicht.

 

6. Vitamin D – das Sonnenvitamin, das im Winter Betriebsferien macht

Anders sieht die Lage bei Vitamin D aus – hier lohnt sich der genauere Blick tatsächlich, allerdings aus einem anderen Grund als bei Vitamin C.

Der Körper stellt Vitamin D größtenteils selbst her, und zwar über die Haut mit Hilfe von UVB-Strahlung aus Sonnenlicht. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, dafür idealerweise zwei- bis dreimal pro Woche Gesicht, Hände und Arme unbedeckt der Sonne auszusetzen – je nach Jahreszeit und Hauttyp reichen dafür oft schon rund 12 Minuten. Das Problem: Von Oktober bis März steht die Sonne hierzulande so tief, dass die UVB-Strahlung schlicht nicht intensiv genug ist, um relevante Mengen Vitamin D zu bilden – egal wie oft man draußen unterwegs ist (DGE-FAQ). Der Körper kann Vitamin D zwar in Muskel- und Fettgewebe speichern, doch bei vielen Menschen sind die Sommerreserven im Spätwinter aufgebraucht.

Was heißt das jetzt? Nicht, dass jeder blind zur Vitamin-D-Kapsel greifen sollte. Die DGE empfiehlt eine gezielte Supplementierung vor allem für bestimmte Gruppen: ältere Menschen mit eingeschränkter Mobilität, Menschen, die sich kaum im Freien aufhalten (zum Beispiel aus beruflichen oder gesundheitlichen Gründen), Säuglinge zur Rachitis-Vorbeugung sowie Menschen mit sehr dunkler Hautfarbe, bei denen die Eigensynthese über die Haut geringer ausfällt. Eine pauschale Anreicherung von Lebensmitteln lehnt die DGE ausdrücklich ab. Wer unsicher ist, ob eine Supplementierung für die eigene Situation sinnvoll ist, kann das mit einem Bluttest und ärztlicher Beratung klären lassen – Selbstexperimente mit hochdosierten Präparaten auf eigene Faust sind dagegen keine gute Idee, denn zu viel Vitamin D kann tatsächlich unangenehme Nebenwirkungen haben.

 

7. Zink – kleiner Mineralstoff, große Diskussion

Zink ist der Mineralstoff, über den sich Fachleute noch am ehesten in die Haare kriegen könnten – falls Immunologinnen und Immunologen sich überhaupt öffentlich in die Haare kriegen würden.

Ein aktueller Cochrane-Review aus dem Jahr 2024 kommt zu einem vorsichtig positiven, aber alles andere als euphorischen Fazit: Zinkpräparate könnten die Dauer von Erkältungssymptomen um etwa ein bis zwei Tage verkürzen. Allerdings stufen die Autorinnen und Autoren die zugrundeliegende Evidenz selbst als von "geringer bis mittlerer Verlässlichkeit" ein – die Studienlage ist also uneinheitlich, die Studien waren oft klein oder methodisch angreifbar (Deutsches Ärzteblatt, Cochrane Library). Es handelt sich also nicht um ein eindeutig bewiesenes Wundermittel, sondern um einen möglichen, bescheidenen Effekt, der sich in weiteren, besseren Studien noch bestätigen müsste.

Wer Zinkpräparate ausprobieren möchte, sollte zudem wissen: Zu hoch dosiert und zu lange eingenommen, kann Zink unter anderem die Aufnahme von Kupfer im Körper stören und Nebenwirkungen wie Übelkeit verursachen. Eine kurzfristige Einnahme bei den ersten Erkältungsanzeichen, wie es manche Studien untersucht haben, ist etwas anderes als eine dauerhafte Nahrungsergänzung "zur Vorbeugung". Auch hier gilt: Wer sich unsicher ist, bespricht das am besten mit einer Apothekerin, einem Apotheker oder ärztlichem Fachpersonal, statt sich an der Regalbeschriftung zu orientieren.

 

8. Bewegung – Spazieren schlägt Sofa (aber Marathon schlägt niemanden)

Hier kommt eine erfreulich unkomplizierte Erkenntnis: Regelmäßige, moderate Bewegung gehört zu den am besten belegten Alltagsgewohnheiten, wenn es um die allgemeine Gesundheit und damit auch indirekt um die Immunabwehr geht. Harvard Health zählt regelmäßige körperliche Aktivität explizit zu den evidenzbasierten Strategien, die die Gesundheit unterstützen (Harvard Health).

Der Mechanismus dahinter ist noch nicht bis ins letzte Detail erforscht, aber es gibt plausible Erklärungsansätze: Bewegung fördert die Durchblutung, wodurch Immunzellen leichter durch den Körper zirkulieren können, sie kann Entzündungswerte im Körper senken und wirkt sich nachweislich positiv auf Schlafqualität und Stresslevel aus – zwei Faktoren, die wir ja bereits als wichtig identifiziert haben. Ein täglicher zügiger Spaziergang, eine Runde Radfahren oder Schwimmen – selbst wenn es draußen grau und ungemütlich ist – zählt hier bereits.

Eine kleine Einschränkung gehört zur Ehrlichkeit dazu: Sehr intensive, extreme Belastungen wie ein Marathon oder ein Ultra-Ausdauerwettkampf können das Immunsystem kurzfristig eher vorübergehend schwächen statt Stärken – im Sport spricht man vom sogenannten "Open-Windows"-Effekt nach extremer Belastung. Für die allermeisten von uns, die im Winter eher zwischen Sofa und Supermarkt pendeln, ist das aber eine theoretische Randnotiz. Die relevante Botschaft lautet: Moderate Bewegung, regelmäßig und am besten an der frischen Luft, ist eine der unspektakulärsten, aber am besten belegten Investitionen in die eigene Widerstandsfähigkeit – für Achtjährige beim Schulhof-Fangenspielen genauso wie für Achtzigjährige beim Nordic Walking.

 

9. Stress – der leise Sand im Getriebe

Stress ist so ein Wort, das inzwischen fast inflationär benutzt wird – und trotzdem steckt dahinter ein handfester biologischer Mechanismus, der für unser Thema relevant ist. Bei akutem Stress schüttet der Körper unter anderem das Hormon Cortisol aus, was kurzfristig sogar sinnvoll sein kann (es bereitet den Körper auf eine "Kampf oder Flucht"-Situation vor). Hält Stress aber über längere Zeit an – chronischer Stress durch Dauerbelastung im Job, in der Schule, in der Familie oder durch Sorgen –, bleibt der Cortisolspiegel dauerhaft erhöht. Das kann die Funktion verschiedener Immunzellen beeinträchtigen und die Regulierung von Entzündungsprozessen aus dem Gleichgewicht bringen.

In der psychoneuroimmunologischen Forschung – ja, dieses Wort gibt es wirklich, und ja, es ist so kompliziert, wie es klingt – zeigt sich immer wieder, dass Menschen unter chronischem Stress anfälliger für Infekte der Atemwege sind und Erkrankungen bei ihnen tendenziell länger dauern. Das erklärt vielleicht auch, warum ausgerechnet in stressigen Vorweihnachtswochen so viele Menschen gleichzeitig schniefend am Schreibtisch sitzen – und warum der erste freie Tag im Urlaub gerne mit einer waschechten Erkältung "belohnt" wird. Ihr Körper hat quasi nur darauf gewartet, dass Sie ihm die Erlaubnis geben, mal kurz schwach zu sein.

Was hilft, ist naturgemäß individuell – von Bewegung über soziale Kontakte bis zu bewusst eingeplanten Pausen und, ja, ausreichend Schlaf (siehe Kapitel 3, alles hängt hier zusammen). Ein pauschales "einfach entspannter sein" ist leicht gesagt und schwergetan, aber allein das Wissen, dass Dauerstress messbare körperliche Folgen hat, ist manchmal schon ein guter Anstoß, kleine Verschnaufpausen ernster zu nehmen.


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10. Abhärten: Sauna, kalt duschen, Kneippen – was bringt's wirklich?

Jetzt zu einem Thema, bei dem sich Überzeugungstäter und Skeptiker traditionell besonders hitzig – oder eben kalt – gegenüberstehen: das Abhärten.

Fangen wir mit der ernüchternden Nachricht an: Für klassisches Kneippen, also Wassertreten, Kaltwasserwaschungen oder Armbäder nach Sebastian Kneipp, kommt die Cochrane Collaboration zu einem klaren Fazit – es gibt keine hochwertigen wissenschaftlichen Belege dafür, dass diese Anwendungen die Zahl der Erkältungen tatsächlich senken. Auch eine oft zitierte niederländische Studie mit rund 3.000 Teilnehmenden, die in der kalt duschenden Gruppe weniger Krankheitstage fand, wurde von unabhängiger Seite methodisch als wenig verlässlich eingestuft.

Etwas differenzierter sieht es bei der Sauna aus. Eine finnische Langzeitstudie mit knapp 2.000 Männern über rund 25 Jahre fand: Wer viermal oder öfter pro Woche in die Sauna ging, hatte ein um etwa 28 Prozent geringeres Risiko für Lungenentzündungen als Personen, die höchstens einmal wöchentlich saunierten. Klingt beeindruckend – allerdings wurden hier nur Lungenentzündungen erfasst, keine gewöhnlichen Schnupfen-Erkältungen, und die Studienautoren selbst räumen ein, dass regelmäßige Saunagänger im Schnitt oft auch sportlicher und allgemein gesundheitsbewusster leben. Ob also die Hitze selbst der entscheidende Faktor ist oder eher der insgesamt aktivere Lebensstil dahinter, lässt sich aus dieser Studie allein nicht sicher sagen (AOK).

Heißt das, Sie sollten die kalte Dusche am Morgen und die Saunagänge komplett bleiben lassen? Keineswegs – wenn es Ihnen guttut, Sie sich danach wacher und wohler fühlen, spricht nichts dagegen, das beizubehalten. Nur als wissenschaftlich verbürgtes Erkältungsschutzschild sollten Sie es nicht verkaufen; die Forscherinnen und Forscher selbst nennen das treffend eine "Glaubensfrage".

 

11. Omas Hausmittel im Faktencheck

Zeit, ein paar Klassiker aus der Hausmittelschublade unter die Lupe zu nehmen.

Hühnersuppe. Hier gibt es tatsächlich eine erfreuliche Überraschung: Das ist kein reiner Mythos. Untersuchungen, unter anderem der University of Nebraska, deuten darauf hin, dass Hühnersuppe bestimmte weiße Blutkörperchen (Neutrophile) hemmen kann, die an entzündlichen Prozessen bei Erkältungen beteiligt sind. Zusätzlich enthält die Suppe die Aminosäure Cystein, der eine leicht entzündungshemmende, schleimlösende Wirkung nachgesagt wird, sowie – gebunden an Histidin und dadurch gut verwertbar – etwas Zink. Stiftung Warentest bewertet die wohltuende Wirkung der Suppe entsprechend als "naturwissenschaftlich abgesegnet", nicht als reinen Aberglauben (test.de). Dazu kommt natürlich der ganz undramatische Effekt: warme Flüssigkeit tut den gereizten Schleimhäuten einfach gut, und wer krank ist, isst oft ohnehin lieber etwas Leichtes, Warmes als ein Steak.

Ingwertee. Ingwer enthält Scharfstoffe (u. a. Gingerole), denen im Labor entzündungshemmende Eigenschaften nachgewiesen wurden. Groß angelegte klinische Studien am Menschen, die einen direkten Effekt auf die Erkältungsdauer belegen, sind allerdings rar. Als warmes, wohltuendes Getränk mit angenehmer Schärfe schadet eine Tasse Ingwertee sicher nicht – als bewiesenes Heilmittel sollte man ihn aber ebenfalls nicht verkaufen.

Zwiebelsocken, heiße Zitrone, Halswickel & Co. Für die meisten dieser Klassiker gibt es keine oder nur sehr dünne wissenschaftliche Evidenz im engeren Sinne. Das heißt nicht automatisch, dass sie "nichts bringen" – viele wirken über Wärme, Ritual und das gute Gefühl, sich selbst aktiv um sich zu kümmern, was durchaus zum subjektiven Wohlbefinden beiträgt. Schaden tun sie in aller Regel auch nicht. Nur eben: Wunder sollte man von der Zwiebel in der Socke nicht erwarten.

 

12. Hygiene & Raumklima – die unsexy, aber wirksame Wahrheit

Nach so viel Vitamin-Diskussion kommt jetzt das Kapitel, das niemand in der Werbung sehen will, weil sich damit schlecht Kapseln verkaufen lassen: gute alte Hygiene.

Regelmäßiges, gründliches Händewaschen gehört zu den einfachsten und am besten belegten Maßnahmen, um die Übertragung von Erkältungs- und Grippeviren einzudämmen – schließlich landen viele Erreger über die Hände an Türklinken, Haltegriffen oder direkt im Gesicht. Ein kleiner, aber hartnäckiger Mythos dabei: Braucht es unbedingt warmes Wasser? Nein. Das Robert Koch-Institut hat mit diesem Irrglauben aufgeräumt – kaltes Wasser reinigt genauso effektiv, entscheidend sind Seife und ausreichend Zeit (mindestens 20 bis 30 Sekunden), nicht die Wassertemperatur. Warmes Wasser über 20 Grad kann die Haut sogar zusätzlich strapazieren – kaltes Waschen ist also sowohl hautfreundlicher als auch ressourcenschonender (RKI-Mythos-Check).

Regelmäßiges Stoßlüften – mehrmals täglich Fenster komplett öffnen statt dauerhaft zu kippen – tauscht verbrauchte, virenbelastete Luft gegen frische aus und wirkt dem oben erwähnten Trockenheits-Problem der Heizungsluft entgegen. Und ja, es klingt banal, aber: Wer hustet oder niest, tut das idealerweise in die Armbeuge statt in die Hand, mit der man Sekunden später die Türklinke, das Handy oder die Hand des Sitznachbarn berührt. Das sind keine aufregenden Geheimtipps, sondern die unspektakulären Basics – die aber, anders als die meisten Nahrungsergänzungsmittel, tatsächlich solide belegt sind.

 

13. Das Immunsystem im Lebenslauf: Kinder, Erwachsene, Senioren

Ein "starkes" oder "schwaches" Immunsystem ist keine feste Eigenschaft, sondern verändert sich über das Leben hinweg deutlich – und das lohnt sich, differenziert zu betrachten, gerade weil dieser Beitrag für Jung und Alt gedacht ist.

Kinder und Kleinkinder sind im Winter oft gefühlt permanent verschnupft – und das ist, so unangenehm es für alle Beteiligten ist, weitgehend normal. Während bei Erwachsenen im Schnitt zwei bis vier Erkältungen pro Jahr als üblich gelten, sind es bei kleinen Kindern häufig acht bis zehn (erkaeltet.info). Der Grund: Für ein Kind ist fast jeder Erreger, dem es begegnet, völlig neu, während Erwachsene bereits auf ein umfangreiches "immunologisches Gedächtnis" aus früheren Kontakten zurückgreifen können. Interessanterweise zeigt neuere Forschung, dass das kindliche Immunsystem dabei keineswegs "schwach", sondern im Gegenteil erstaunlich schlagkräftig und schnell reagierend ist – es ist im Grunde ein Neueinsteiger-Team, das aber hochmotiviert und lernfähig ist (PTAheute). Fieber und eine laufende Nase sind hier übrigens meist ein Zeichen dafür, dass die Abwehr aktiv arbeitet, nicht dafür, dass etwas grundsätzlich schiefläuft.

Erwachsene profitieren von diesem aufgebauten immunologischen Gedächtnis, sind aber natürlich nicht unverwundbar, besonders wenn Schlafmangel, Dauerstress und Bewegungsmangel zusammenkommen – die klassische Kombination im hektischen Winteralltag zwischen Job, Familie und Weihnachtsvorbereitung.

Ältere Menschen stehen vor einer anderen Herausforderung: der sogenannten Immunoseneszenz, also der natürlichen, altersbedingten Veränderung des Immunsystems, die unter anderem dazu führt, dass die Abwehr auf neue Erreger tendenziell etwas langsamer und schwächer reagiert. Gleichzeitig neigt der alternde Körper zu leicht erhöhten, chronischen Entzündungswerten ("Inflammaging"). Das macht Infekte im Alter potenziell risikoreicher und ist auch der Grund, warum die Ständige Impfkommission (STIKO) die jährliche Grippeimpfung ausdrücklich für alle Menschen ab 60 Jahren empfiehlt – ebenso wie für Schwangere ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel, Menschen mit bestimmten chronischen Vorerkrankungen (etwa der Atemwege, des Herz-Kreislauf-Systems oder Diabetes), Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen sowie medizinisches Personal (RKI-FAQ Influenza). Ob eine Impfung im individuellen Fall sinnvoll ist, bespricht man am besten mit der Hausarztpraxis – dieser Beitrag kann und will diese Beratung nicht ersetzen, sondern nur auf die offizielle Empfehlungslage hinweisen.

 

14. Der Winter-Fahrplan: Was tatsächlich einen Unterschied machen kann

Fassen wir zusammen, was nach aktuellem Stand der Forschung die solidesten Hebel sind – ganz ohne Versprechen auf Erkältungsfreiheit, aber mit gutem Gewissen empfehlbar:

  • Ausreichend Schlaf, möglichst regelmäßig sieben Stunden oder mehr – der am besten belegte Einzelfaktor in diesem ganzen Themenfeld.

  • Bewegung im Alltag, am liebsten an der frischen Luft – der tägliche Spaziergang schlägt hier die teuerste Vitaminkapsel.

  • Ausgewogene, ballaststoffreiche Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkorn und Hülsenfrüchten – gut für den Darm, gut für die Laune, gut für die Abwehr.

  • Gründliches Händewaschen und regelmäßiges Stoßlüften – unspektakulär, aber solide belegt.

  • Stress im Blick behalten und bewusst kleine Pausen einplanen, so unrealistisch das im Dezember klingen mag.

  • Vitamin-D-Status im Blick haben, besonders bei wenig Sonnenkontakt, hohem Alter oder eingeschränkter Mobilität – im Zweifel ärztlich abklären lassen statt raten.

  • Vitamin C, Zink & Co. dürfen gerne als kleine, bewusste Unterstützung dazukommen, aber realistisch eingeordnet: bestenfalls ein paar Tage kürzere Erkältungsdauer, kein Schutzschild.

  • Saunieren, kalt duschen, Kneippen, wenn es guttut – gerne weitermachen, aber ohne die Erwartung eines wissenschaftlich bewiesenen Erkältungsschutzes.

 

15. Wann sollte man zum Arzt oder zur Ärztin?

Bei den allermeisten Erkältungen reicht es, es sich zu Hause gemütlich zu machen, viel zu trinken und dem Körper Zeit zu geben. Ärztlicher Rat ist grundsätzlich sinnvoll, wenn Symptome ungewöhnlich stark, lange anhaltend oder untypisch sind – etwa bei hohem Fieber über mehrere Tage, starker Atemnot, stechenden Schmerzen, deutlicher Verschlechterung nach vermeintlicher Besserung oder bei Säuglingen, chronisch kranken oder stark geschwächten Personen generell schon frühzeitiger. Diese Aufzählung ersetzt keine individuelle medizinische Einschätzung – im Zweifel gilt: lieber einmal zu früh Fragen als zu spät.


Schlusswort: Gelassenheit statt Panik-Shopping

Wenn Sie diesen Beitrag bis hierhin gelesen haben, wissen Sie jetzt vermutlich mehr über Neutrophile in Hühnersuppe, als Sie je zu wissen erwartet hätten. Die eigentliche Botschaft ist aber angenehm unaufgeregt: Ihr Immunsystem ist ziemlich gut im Multitasking, es braucht keine Wunderwaffe, sondern schlicht gute Rahmenbedingungen – Schlaf, Bewegung, vernünftiges Essen, ein bisschen Stressmanagement und die klassische Hygiene. Das ist weniger glamourös als ein bunt beworbenes Nahrungsergänzungsmittel, aber ehrlicher – und nach allem, was wir heute wissen, auch wirksamer.

Und falls Sie trotz allem irgendwann husten und schniefen: Das ist kein persönliches Versagen und keine Schande, sondern meistens einfach Pech mit dem falschen Virus zur falschen Zeit. Dann darf man sich getrost aufs Sofa legen, eine Tasse Tee (oder eben doch die Hühnersuppe) genießen – und sich daran erinnern, dass der Körper das schon mal öfter geschafft hat.

 

Autor: © hpb-beratung (KI unterstützt) | info@bk-consult.ch  / hpbroot@gmail.com

Datum: September 2026

Kategorie: Gesundheit & Prävention

 

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische, ernährungswissenschaftliche, oder sonstige Beratung und verspricht keine Heilung, Vorbeugung oder Linderung irgendeiner Krankheit. Bei spezifischen Beschwerden oder Erkrankungen, sollte immer ein Arzt, qualifizierter Ernährungsberater, ein qualifizierter Naturheilpraktiker, oder eine sonstige Fachperson konsultiert werden.

Hier werden verschiedene Gesundheitsthemen behandelt. Die Ausführungen dienen nicht der Selbstdiagnose und ersetzen keine Fachdiagnose.

Angaben erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, eine Rechtsverbindlichkeit kann daraus nicht abgeleitet werden. Die Angaben sollen anregen und dazu ermuntern, eventuell weitere fachbezogene Artikel zu lesen.

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Quellenverzeichnis

  1. Gesundheitsinformation.de (IQWiG)

  2. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE)

  3. Harvard Health Publishing

  4. BARMER

  5. Deutsches Ärzteblatt

  6. Cochrane Library

  7. UCSF News

  8. PubMed

  9. mhplus Krankenkasse

  10. AOK

  11. PTAheute

  12. erkaeltet.info

  13. Stiftung Warentest

  14. Robert Koch-Institut (RKI)

  15. RKI-Mythos-Check zum Händewaschen (zitiert u. a. bei regionalen Medien)

  16. Apotheken Umschau

 

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