Selbstfürsorge
- Hanspeter Bäriswyl

- vor 3 Tagen
- 12 Min. Lesezeit
Warum du dringend anfangen solltest, dich selbst wie deinen Lieblingsmenschen zu behandeln
Ein humorvoller, aber ernst gemeinter Leitfaden für alle, die ihren Kalender besser kennen als ihren eigenen Blutdruck.
Inhaltsverzeichnis
Eine kleine Bestandsaufnahme: Wann hast du zuletzt „Nein" gesagt?
Was Selbstfürsorge eigentlich ist (und was definitiv nicht)
Die großen Selbstfürsorge-Mythen, die wir endlich beerdigen sollten
Schlaf: Das unterschätzteste Wellness-Tool der Welt
Bewegung und Natur: Wie ein Waldspaziergang deinen Cortisolspiegel austrickst
Digitale Grenzen: Dein Handy ist kein Notfall
Selbstmitgefühl: Sei dein eigener bester Freund, nicht dein schärfster Kritiker
Nein sagen: Die unterschätzte Superkraft
Ernährung und Genuss: Selbstfürsorge schmeckt auch mal nach Schokolade
10. Beziehungen und Gemeinschaft: Allein glücklich geht, gemeinsam geht's leichter
Selbstfürsorge am Arbeitsplatz: Zwischen Deadlines und Nervenzusammenbruch
Die häufigsten Ausreden – und die passenden Konter
Wann professionelle Hilfe der beste Akt der Selbstfürsorge ist
Selbstfürsorge im Alltag: Kleine Rituale, große Wirkung
Fazit: Der Selbstfürsorge-Marathon (kein Sprint)
Quellenverzeichnis
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1. Eine kleine Bestandsaufnahme: Wann hast du zuletzt „Nein" gesagt?
Bevor wir tief in die Welt der Badewannen, Kerzen und Kräutertees eintauchen, machen wir kurz einen ehrlichen Realitätscheck. Wann hast du das letzte Mal einen Termin abgesagt, weil du einfach keine Lust hattest? Wann hast du zuletzt eine ganze Stunde nur für dich verbracht, ohne dabei gleichzeitig Wäsche zu falten, E-Mails zu beantworten oder in Gedanken die nächste Steuererklärung zu planen?
Falls dir gerade nichts einfällt: Willkommen im Club. Es ist ein großer Club. Die Mitgliedskarte bekommst du automatisch, sobald du erwachsen wirst, einen Kalender besitzt und mindestens einmal im Leben den Satz „Ich schaff das schon irgendwie" gesagt hast, während du innerlich bereits am Rand des Nervenzusammenbruchs balanciertest.
Die gute Nachricht: Du bist nicht kaputt, du bist nur schlecht trainiert – nämlich darin, dich selbst genauso ernst zu nehmen wie alle anderen in deinem Leben. Und genau darum geht es in diesem Beitrag: Selbstfürsorge, ohne esoterischen Zeigefinger, dafür mit ein paar echten Fakten, ein bisschen Selbstironie und der einen oder anderen unbequemen Wahrheit.
2. Was Selbstfürsorge eigentlich ist (und was definitiv nicht)
Selbstfürsorge wird gerne mit Bubble Bath, Duftkerzen und einem Glas Rotwein auf Instagram beworben. Schön und gut – aber Selbstfürsorge ist mehr als ein ästhetisch inszeniertes Wochenende. Fachlich beschreibt Selbstfürsorge das bewusste, aktive Bemühen, für die eigene körperliche und psychische Gesundheit zu sorgen – ein Prozess, kein einmaliges Ereignis mit Kerzenschein-Beleuchtung (IU Internationale Hochschule; HelloBetter).
Das bedeutet: Ein Saunabesuch ist Selbstfürsorge. Aber auch der unsexy Zahnarzttermin, den du seit acht Monaten vor dir herschiebst. Auch das Gespräch, in dem du deiner Chefin sagst, dass dein Terminkalender explodiert. Auch der Moment, in dem du dein Handy zehn Minuten früher weglegst, um tatsächlich zu schlafen, statt noch schnell zu scrollen, „was die anderen so machen".
Selbstfürsorge ist also weniger ein Produkt, das man kauft, und mehr eine Haltung, die man übt. Wie Muskeltraining – nur dass der Muskel unsichtbar ist und sich „Grenzen setzen" nennt.
3. Die großen Selbstfürsorge-Mythen, die wir endlich beerdigen sollten
Mythos 1: Selbstfürsorge ist egoistisch. Falsch. Erschöpfte Menschen sind selten die geduldigsten Partner, die kreativsten Kolleginnen oder die geduldigsten Elternteile. Wer sich um sich selbst kümmert, hat schlicht mehr zu geben – so wie ein Handy erst wieder nützlich ist, wenn es nicht bei zwei Prozent Akku im Überlebensmodus vor sich hin blinkt.
Mythos 2: Selbstfürsorge kostet Geld. Ein Wellness-Wochenende ist nett, aber nicht notwendig. Der günstigste und wirksamste Selbstfürsorge-Akt der Welt ist vermutlich: früher schlafen gehen. Kostenpunkt: null Euro. Wirkung: erstaunlich hoch.
Mythos 3: Selbstfürsorge ist etwas für „schwache" Menschen. Genau das Gegenteil ist der Fall. Eine Studie mit psychosozialen Fachkräften zeigte, dass ein gezieltes Selbstfürsorge-Training die Erschöpfung der Teilnehmenden nachweisbar senkte – und dieser Effekt hielt sogar drei Jahre später noch an (zepf – Zentrum für empirische pädagogische Forschung). Menschen, die sich um sich selbst kümmern, sind nicht schwach. Sie sind einfach besser informiert.
Mythos 4: Ich habe keine Zeit dafür. Doch. Du hast Zeit. Sie steckt nur gerade zwischen drei Tabs Arbeits-E-Mails, einer Serie, die du „nur nebenbei" laufen lässt, und einem Social-Media-Feed, der dir suggeriert, alle anderen hätten ihr Leben besser im Griff als du. Dazu gleich mehr in Kapitel 6.
4. Schlaf: Das unterschätzteste Wellness-Tool der Welt
Kein Serum, kein Superfood und keine Meditations-App kommt an das heran, was ausreichend Schlaf für Körper und Psyche leistet. Und doch behandeln viele von uns Schlaf wie eine lästige Softwareaktualisierung, die man am liebsten so lange wie möglich hinauszögert: „Erinnere mich später."
Schlafmangel ist längst kein Nischenthema mehr. Burnout-Symptome hängen eng mit chronischem Erschöpfungszustand zusammen – und laut aktuellen Erhebungen berichteten 2024 rund 59 Prozent der US-Beschäftigten von Burnout-Symptomen, andere Erhebungen sprechen sogar von bis zu 76 Prozent, die zumindest ein gewisses Maß an Erschöpfung erleben (The Interview Guys, 2025; High5Test). Schlafmangel ist dabei nicht die einzige Ursache – aber ein zentraler Verstärker.
Die unangenehme Wahrheit: Dein Körper unterscheidet nicht zwischen „Ich habe keine Zeit zu schlafen, weil ich noch die Steuererklärung mache" und „Ich habe keine Zeit zu schlafen, weil ein Säbelzahntiger vor der Höhle steht". Für dein Nervensystem ist beides Stress. Der Unterschied: Der Säbelzahntiger ist irgendwann weg. Die Steuererklärung nicht.
Kleiner, unspektakulärer, aber wirksamer Tipp: Leg dein Handy eine halbe Stunde vor dem Schlafen weg. Ja, wirklich. Nein, die Nachrichten laufen dir nicht davon.
5. Bewegung und Natur: Wie ein Waldspaziergang deinen Cortisolspiegel austrickst
Es gibt kaum eine günstigere Wellness-Maßnahme als: rausgehen. Eine Untersuchung der Universität Michigan aus dem Jahr 2019 zeigte, dass bereits 20 bis 30 Minuten in einer natürlichen Umgebung ausreichen, um den Cortisolspiegel – also das Stresshormon schlechthin – spürbar zu senken (zusammengefasst u. a. bei der Pharmazeutischen Zeitung). Auch japanische Forschung zum „Waldbaden" (Shinrin-Yoku) zeigt: Die stressreduzierende Wirkung eines Waldbesuchs kann bis zu einer Woche anhalten, inklusive niedrigerem Blutdruck und mehr Abwehrzellen im Körper (Quarks.de).
Das bedeutet im Klartext: Du musst keine dreiwöchige Achtsamkeitsreise nach Bali buchen. Ein Spaziergang um den Block, im Idealfall mit ein bisschen Grün drumherum, reicht bereits, um deinem Nervensystem eine Verschnaufpause zu gönnen. Bonus: Kein Jetlag.
Natürlich hilft auch Bewegung generell – nicht, weil du unbedingt einen Halbmarathon laufen musst, sondern weil Bewegung dem Körper signalisiert: „Alles gut, wir sind nicht in Gefahr, wir dürfen entspannen." Zehn Minuten Tanzen in der Küche zählen. Ja, auch mit peinlichen Bewegungen. Niemand sieht zu, außer vielleicht die Katze, und die urteilt sowieso ständig über dich.
6. Digitale Grenzen: Dein Handy ist kein Notfall
Laut einer Bitkom-Erhebung nutzten Erwachsene ihr Smartphone 2023 im Schnitt 139 Minuten täglich, Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren sogar 224 Minuten (zusammengefasst bei electroiq.com). 83 Prozent der Befragten können sich laut Bitkom und Deloitte kein Leben mehr ohne Smartphone vorstellen – gleichzeitig gibt aber auch etwa jede:r Zweite an, die eigene Bildschirmzeit bereits bewusst einschränken zu wollen.
Die Wissenschaft ist hier erfrischend eindeutig: Eine Studie der Donau-Universität Krems mit rund 250 Teilnehmenden im Rahmen der „FM4 Screentime Challenge" zeigte, dass eine Reduktion der Bildschirmzeit Stress, depressive Symptome, Schlafprobleme und Einsamkeit um jeweils etwa 30 Prozent senken kann – während das allgemeine Wohlbefinden um rund 17 Prozent stieg (BIG direkt gesund). Weitere Forschung fand erstmals einen kausalen Zusammenhang: Wer die tägliche Smartphone-Nutzung auf unter zwei Stunden reduziert, erlebt eine spürbare Verbesserung des Wohlbefindens.
Das bedeutet nicht, dass du dein Handy in den nächsten See werfen musst (bitte nicht, die Fische haben schon genug Stress). Es bedeutet vielleicht nur: Push-Benachrichtigungen ausschalten, die für nichts wirklich Wichtiges stehen. Dein Ex postet ein neues Foto vom Brunch? Das kann warten. Notfalls für immer.
7. Selbstmitgefühl: Sei dein eigener bester Freund, nicht dein schärfster Kritiker
Stell dir vor, deine beste Freundin verschüttet Kaffee auf ihrer weißen Bluse kurz vor einem wichtigen Meeting. Würdest du ihr sagen: „Ehrlich, du bist einfach unfähig, so ein Chaos-Mensch, kein Wunder, dass bei dir immer alles schiefgeht"? Vermutlich nicht. Du würdest sagen: „Ach Mist, das passiert. Hast du ein Ersatzshirt?"
Und jetzt die unbequeme Frage: Sprichst du eigentlich genauso mit dir selbst, wenn dir ein Fehler passiert?
Die Psychologin Kristin Neff hat das Konzept des Selbstmitgefühls seit den frühen 2000er-Jahren wissenschaftlich untersucht – mittlerweile gibt es dazu mehrere tausend Studien (mindfulselfcompassion.ch). Die Ergebnisse sind bemerkenswert konsistent: Mehr Selbstmitgefühl hängt mit weniger Stress, Depression, Angst und gestörtem Essverhalten zusammen – und gleichzeitig mit mehr Lebenszufriedenheit, mehr Verbundenheit und sogar einer besseren Immunfunktion (msc-selbstmitgefuehl.org).
Im gemeinsam mit dem Harvard-Psychologen Christopher Germer entwickelten achtwöchigen „Mindful Self-Compassion"-Programm zeigte sich zudem: Die Effekte auf Achtsamkeit, Selbstmitgefühl und Mitgefühl für andere hielten noch ein Jahr nach Kursende an.
Kurz gesagt: Sich selbst gegenüber nett zu sein, ist keine Kuschelpädagogik, sondern messbar wirksam. Fang klein an. Wenn dir das nächste Mal ein Missgeschick passiert, probier testweise den Satz: „Das ist gerade schwer. Das geht vielen so. Was brauche ich jetzt?" Fühlt sich anfangs komisch an. Wird mit der Zeit leichter.
8. Nein sagen: Die unterschätzte Superkraft
Es gibt Superkräfte, die spektakulär aussehen – fliegen, unsichtbar werden, Laser aus den Augen schießen. Und es gibt die eine Superkraft, die im echten Leben tatsächlich etwas bewirkt: „Nein" sagen, ohne sich fünf Minuten lang dafür zu entschuldigen.
Viele Menschen sagen aus Höflichkeit, Pflichtgefühl oder schlicht Gewohnheit ständig Ja – zu Überstunden, zur dritten Familienfeier in Folge, zum Kaffeetreffen, auf das eigentlich niemand wirklich Lust hat, aber alle trotzdem hingehen, weil es „unhöflich" wäre, abzusagen. Das Ergebnis: ein Kalender, der aussieht wie ein Tetris-Spiel kurz vor dem Game Over.
Selbstfürsorge bedeutet an dieser Stelle nicht, ein unhöflicher Mensch zu werden. Es bedeutet, die eigene Energie wie eine begrenzte, wertvolle Ressource zu behandeln – weil sie das nun mal ist. Ein einfacher Trick: Bevor du auf eine Anfrage sofort „Ja, klar!" antwortest, probiere stattdessen „Ich schau in meinen Kalender und melde mich." Das gibt dir Zeit, ehrlich zu überlegen, statt aus Reflex zuzusagen und es zwei Stunden später zu bereuen.
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9. Ernährung und Genuss: Selbstfürsorge schmeckt auch mal nach Schokolade
Selbstfürsorge wird in vielen Ratgebern gleichgesetzt mit Grünkohl-Smoothies, Meal-Prep-Boxen und einer Küche, die aussieht wie ein Fitness-Influencer-Instagram-Feed. Das darf gerne dazugehören, muss aber nicht die ganze Wahrheit sein.
Genussvolles, achtsames Essen – ohne Schuldgefühle, ohne ständiges Kalorienzählen im Kopf – ist ebenfalls ein Akt der Selbstfürsorge. Der Körper braucht Nährstoffe, keine Frage. Aber die Psyche braucht auch mal ein Stück Kuchen, das man tatsächlich genießt, statt es im Stehen über der Spüle in drei Bissen zu verschlingen, während man gleichzeitig E-Mails checkt.
Ein realistischer Ansatz: Statt einer radikalen Ernährungsumstellung am Montag (die erfahrungsgemäß spätestens Mittwoch scheitert), reicht oft eine kleine, nachhaltige Veränderung – ein Glas Wasser mehr am Tag, ein bewusst genossenes Mittagessen ohne Bildschirm, ein Obstteller statt der dritten Tüte Chips. Kleine Schritte schlagen große Vorsätze, die man nach vier Tagen wieder aufgibt.
10. Beziehungen und Gemeinschaft: Allein glücklich geht, gemeinsam geht's leichter
Selbstfürsorge wird oft als etwas Einsames dargestellt: allein im Bad, allein im Wald, allein mit einem Buch. Und ja, Alleinzeit ist wichtig. Aber Selbstfürsorge bedeutet auch, die eigenen sozialen Bedürfnisse ernst zu nehmen – also sich mit Menschen zu umgeben, die einem guttun, statt jene Kontakte zu pflegen, die einen nach jedem Treffen erschöpfter zurücklassen als vorher.
Ein ehrlicher Freundeskreis-Check kann helfen: Wer gibt dir nach einem Treffen Energie, wer zieht sie dir eher ab? Selbstfürsorge heißt hier nicht, alle „anstrengenden" Menschen aus dem Leben zu verbannen (manche sind Familie, das ist kompliziert), aber vielleicht, den Kontakt bewusster zu dosieren.
Ebenso zählt: um Hilfe bitten. Viele Menschen empfinden es als Schwäche, andere um Unterstützung zu bitten – dabei ist genau das ein zentraler Baustein von Resilienz. Niemand bekommt einen Orden für „hat alles allein geschafft und ist dabei fast zusammengebrochen".
11. Selbstfürsorge am Arbeitsplatz: Zwischen Deadlines und Nervenzusammenbruch
Ein großer Teil unseres Erschöpfungshaushalts wird nicht zu Hause verbrannt, sondern im Job. Und die Zahlen dazu sind, freundlich gesagt, ernüchternd: Laut aktuellen Erhebungen berichten bis zu 76 Prozent der US-Beschäftigten von einem gewissen Maß an Burnout, 53 Prozent davon sogar von moderaten bis schweren Symptomen (The Interview Guys, 2025). Auch im Gesundheitswesen sieht es nicht rosiger aus: Laut American Medical Association berichten 48,2 Prozent der Ärztinnen und Ärzte von mindestens einem Burnout-Symptom, bei Pflegekräften waren es laut einem Bericht von April 2024 sogar 62 Prozent.
Besonders auffällig: Jüngere Generationen trifft es härter. 66 Prozent der Millennials berichten von deutlichem Burnout, im Vergleich zu 39 Prozent der Babyboomer (High5Test). Das liegt nicht daran, dass jüngere Menschen „nicht mehr so belastbar" sind, wie manche gerne süffisant behaupten – sondern eher daran, dass sich Arbeitskultur, Erreichbarkeitserwartungen und wirtschaftlicher Druck in den letzten Jahrzehnten spürbar verschärft haben.
Was hilft konkret? Nicht die eine geniale Idee, sondern eine Kombination aus kleinen, hartnäckig verteidigten Grenzen: eine echte Mittagspause, die nicht am Schreibtisch mit einer Hand am Sandwich und der anderen an der Maus stattfindet. Ein Feierabend, der auch wirklich einer ist, statt eines „ich schau nur kurz aufs Handy", das sich in zwei Stunden Zusatzarbeit verwandelt. Und, wo immer möglich, ein ehrliches Gespräch mit Vorgesetzten über Arbeitslast – bevor der Körper das Gespräch stellvertretend über einen Zusammenbruch führt.
12. Die häufigsten Ausreden – und die passenden Konter
Selbstfürsorge scheitert selten an fehlendem Wissen. Sie scheitert an den kleinen, überzeugend klingenden Sätzen, die wir uns selbst erzählen. Hier ein kleiner Faktencheck der Klassiker:
„Ich habe keine Zeit." – Du hast vermutlich eher ein Prioritäten- als ein Zeitproblem. Die Frage ist nicht, ob die Zeit existiert, sondern wofür du sie aktuell verwendest.
„Andere haben es schwerer, ich darf mich nicht beschweren." – Leid ist kein Wettbewerb. Dass es anderen schlechter geht, macht deine Erschöpfung nicht ungültig.
„Wenn ich jetzt eine Pause mache, bin ich faul." – Ein Auto, das nie zur Inspektion fährt, hält auch nicht länger durch, nur weil es „durchgehend im Einsatz" war. Es bleibt irgendwann einfach liegen – meist zur ungünstigsten Zeit.
„Ich mache das später, wenn weniger los ist." – Es wird nie weniger los sein. Das ist keine Prophezeiung, das ist Erfahrungswert.
„Selbstfürsorge ist mir zu esoterisch." – Muss es nicht sein. Wie in den Kapiteln zuvor gezeigt, steckt hinter den meisten Empfehlungen handfeste Forschung, keine Räucherstäbchen-Philosophie.
13. Wann professionelle Hilfe der beste Akt der Selbstfürsorge ist
Manchmal reichen Waldspaziergänge, Schlafhygiene und nette Selbstgespräche nicht aus – und das ist völlig in Ordnung. Laut dem „2024 Work in America"-Bericht der American Psychological Association bleibt psychische Gesundheit am Arbeitsplatz ein zentrales Thema, und selbst Fachleute, die andere professionell unterstützen, sind nicht automatisch immun: Laut der APA-„Practitioner Pulse"-Erhebung 2024 berichtete etwa ein Drittel der Psychologinnen und Psychologen (32 Prozent) von eigenem Burnout – bei Berufseinsteiger:innen sogar rund die Hälfte (51 Prozent) (APA Practitioner Pulse 2024).
Die Botschaft dahinter: Wenn selbst diejenigen, die beruflich täglich mit psychischer Gesundheit arbeiten, an ihre Grenzen kommen, ist es kein persönliches Versagen, wenn es dir genauso geht. Sich professionelle Unterstützung zu holen – eine Therapie, eine Beratung, ein Gespräch mit der Hausärztin – ist keine Kapitulation. Es ist der gleiche pragmatische Move wie ein Werkstattbesuch, wenn das Auto komische Geräusche macht, statt einfach das Radio lauter zu drehen und zu hoffen, dass es von allein aufhört.
14. Selbstfürsorge im Alltag: Kleine Rituale, große Wirkung
Der größte Irrtum rund um Selbstfürsorge ist vermutlich die Vorstellung, sie müsse groß, aufwendig und Instagram-tauglich sein. Tatsächlich ist es meist das Gegenteil: kleine, wiederholbare Rituale, die sich in einen ganz normalen Alltag einfügen, statt ihn zusätzlich zu belasten.
Ein paar Ideen, die keine drei Stunden Zeit und kein Extra-Budget brauchen:
Morgens: fünf Minuten bewusst mit dem Kaffee oder Tee dasitzen, statt sofort aufs Handy zu schauen.
Mittags: ein kurzer Spaziergang ohne Kopfhörer, nur um den Kopf durchzupusten.
Nachmittags: ein Glas Wasser trinken, bevor man merkt, dass man seit sechs Stunden nichts getrunken hat und deshalb schlechte Laune für „Persönlichkeit" hält.
Abends: eine feste „Feierabend-Grenze" für Arbeits-E-Mails – auch wenn das Postfach protestiert.
Wöchentlich: ein fester Termin nur für dich, der genauso wenig verschiebbar ist wie ein Zahnarzttermin.
Der Trick liegt nicht in der Perfektion, sondern in der Wiederholung. Ein Ritual, das du tatsächlich durchhältst, schlägt jeden ambitionierten Plan, der nach zwei Tagen im Kalender-Papierkorb landet.
15. Fazit: Der Selbstfürsorge-Marathon (kein Sprint)
Selbstfürsorge ist kein einmaliges Wellness-Wochenende, nach dem alles für immer gut ist. Es ist eher wie Zähneputzen: unspektakulär, muss regelmäßig passieren, und die Konsequenzen des Weglassens zeigen sich erst nach einer Weile – dafür aber ziemlich unangenehm.
Die Forschung ist an dieser Stelle bemerkenswert einig: Ob Schlaf, Naturkontakt, digitale Grenzen, Selbstmitgefühl oder professionelle Unterstützung – all diese Bausteine wirken nachweisbar auf Stress, Wohlbefinden und psychische Gesundheit. Du musst nicht alles auf einmal umsetzen. So wie niemand an Tag eins eines Marathons die volle Distanz läuft, reicht es, heute mit einem einzigen kleinen Schritt anzufangen: fünf Minuten früher schlafen gehen, einmal bewusst „Nein" sagen, oder einfach nur zehn Minuten rausgehen und den Himmel angucken.
Du bist es wert, mit derselben Fürsorge behandelt zu werden, die du ganz selbstverständlich anderen Menschen entgegenbringst. Fang klein an. Fang heute an. Und falls du dabei scheiterst: Sei nett zu dir. Das ist schließlich der ganze Punkt.
16. Quellenverzeichnis
HelloBetter: Selbstfürsorge: Tipps für deinen Alltag
IU Internationale Hochschule: Selbstfürsorge: Definition, Übungen, Lernen – Self Care
zepf – Zentrum für empirische pädagogische Forschung: Selbstfürsorge
The Interview Guys (2025): The State of Workplace Burnout in 2025 – A Comprehensive Research Report
High5Test: Employee Wellbeing & Mental Health Workplace Statistics (2024–2025)
American Psychological Association (2024): Practitioner Pulse 2024 – Full Report (PDF)
American Psychological Association (2024): Work in America Survey 2024 – Psychological Safety in the Changing Workplace (PDF)
Pharmazeutische Zeitung: Neue Studie: Schon 20 Minuten im Grünen senken das Stresslevel
BIG direkt gesund: Studien zeigen: Weniger Smartphone, mehr mentale Gesundheit
Mindful Self-Compassion Schweiz: Forschung zu Selbstmitgefühl
Autor: © hpb-beratung | info@bk-consult.ch / hpbroot@gmail.com
Datum: August 2026
Kategorie: Gesundheit & Prävention
Hinweis: Die genannten Studien und Statistiken stammen aus öffentlich zugänglichen Quellen und journalistischen bzw. wissenschaftlichen Zusammenfassungen. Für eine vertiefte Auseinandersetzung empfiehlt sich die Lektüre der Originalstudien.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische, pädagogische, oder ernährungsmedizinische Beratung. Bei spezifischen Beschwerden oder Erkrankungen sollte immer ein Arzt, qualifizierter Ernährungsberater, ein qualifizierter Naturheilpraktiker, oder andere ausgewiesene Fachpersonen konsultiert werden.
Hier werden verschiedene Gesundheitsthemen behandelt. Die Ausführungen dienen nicht der Selbstdiagnose und ersetzen keine Arztdiagnose.
Angaben erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, eine Rechtsverbindlichkeit kann daraus nicht abgeleitet werden. Die Angaben sollen anregen und dazu ermuntern, eventuell weitere fachbezogene Artikel zu lesen.
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17. Hashtags
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